250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Maria Stuart ist die Offenbacher Salome

Dr. Ralph Philipp Ziegler

Das Publikum feiert, in der Presse ist die Urauf­führung für die einen ein Triumph, für die anderen ein Skandal – einhellig jeden­falls äußerst Aufsehen erregend. Kein Opernhaus von Rang wird es sich leisten können, die neue Oper nicht zu spielen: Wiener Staatsoper, Mailänder Scala, New Yorker MET. Eine Opern­partitur ist ein künstlerischer und handwerk­licher Kraftakt – wer einen Abend voller wogender Emotionen und komplexer Handlungs­fäden entwirft, der erhofft sich damit groß heraus­zukommen, ganz groß. Dasselbe gilt für Verleger, die aufwändig die Noten­materiale heraus­bringen und ihre Glaub­würdigkeit für ein Erstlingswerk in die Waagschale werfen. Sie alle wünschen sich, dass das frisch entstandene Werk als eine neue „Carmen“ auf dem Musik­theater-Markt reüssiert – oder eben als neue „Salome“.

Maria Stuart ist die Offenbacher Salome. Genauer: Sie hätte es zumindest werden sollen, als Haupt­figur in einem hochemotionalen Opern­ein­akter, der ähnlich wie ab 1905 Richard Strauss’ „Salome“ dann von 1929 an die Bühnen erobert hätte. Stell­ver­tretend für die Spätphase des André-Verlags in den ästhetisch und weltge­schichtlich äußerst bewegten 1920er bis 1940er-Jahren werden wir einen Blick auf den damals noch reichlich jungen Komponisten Erich Riede werfen.

Ab der dritten Generation des Verlags­hauses André liegt der Schwer­punkt der Verlags­pro­duktion immer mehr auf dem, was man heute gern mit ‚leichter Klassik‘ umschreibt. Aber es erscheinen stetig auch weiter anspruchs­volle Werke für Konzert und Musik­theater, wie ein Großteil der sinfonischen Werke des dänischen Spätromantikers Asger Hamerik oder des Münchner Hofkapell­meisters Josef Gabriel Rheinberger. Hans André (1889–⁠1951) verantwortet in der letzten Phase eigentlicher Verlagstätigkeit unter anderem eine ganze Reihe anspruchs­voller Werke an Cello­kammer­musik und mehrere orchester­begleitete Cello­kon­zerte. Besonders ambitionierte Ausgaben sind das 2. Klavier­konzert (1924) und die Oper „Menandra“ (1925) des über seine Chormusik vielauf­geführten Hugo Kaun. Parallel engagiert sich Hans André für den Karriere­start des jungen Offenbacher Komponisten Erich Riede.

Riede, 1903 in London geboren und in Offenbach aufge­wachsen, hatte bei Waldemar von Baußnern und Bernhard Sekles (von beiden hat André ebenfalls Werke publiziert) am Hochschen Konservatorium in Frankfurt Komposition studiert und schloss eine Dirigenten­aus­bildung an der Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg an. Es folgen Jahre als Dirigierassistent in Bayreuth (1930–⁠31 als persönlicher Assistent von Toscanini); 1929–⁠33 ist Erich Riede ‚Assistant Conductor‘ für deutsches Repertoire an der Metro­politan Opera New York.

Die erste Riede-Ausgabe ist 1924 das Melodram „Gorm Grymme“ nach Fontane mit einem aufwändigen mehrfarbigen, ‚nordisch‘ stilisierten Titel­blatt. Im November 1924 wird es von der Offenbacher Konzert­gesellschaft mit dem Frankfurter Symphonie Orchester und dem Schau­spieler Norbert Schiller im Offenbacher Saalbau urauf­geführt. Klavier­lieder und eine Hamlet-Suite für Klavier folgen. Sein Schaffen drängt aber natürlich zur Oper. 1929 bringt André mit Riedes „Riccio“ eine seiner letzten aufwändigen Musik­theater­aus­gaben heraus, mit einer publikums­sicheren Mixtur aus Liebe und Tod ausge­stattet. Ort und Zeit: am Hof und unter persönlichem Auftreten von Maria Stuart. Den Text steuert die Schrift­stellerin Dr. Martha Wertheimer bei, Redakteurin bei der Offenbacher Zeitung und jüdische Publizistin, deren beein­druckendem und vielfältigem Wirken auch heute noch im Jüdischen Museum Frankfurt oder im Deutschen Fußball­museum gedacht wird.

Mit dem National­theater Weimar unter Ernst Praetorius übernimmt ein renommiertes Haus das Werk – das jedoch kurz vor der Urauf­führung am Toten­sonntag 1929 wieder abgesetzt wird; zeitge­nössische Quellen schweigen sich über die Gründe aus. In den Folge­jahren fällt die Oper aufgrund der jüdischen Librettistin unter politisches Veto. Erst am 30. Oktober 1947 wird „Riccio“ am Landes­theater Coburg urauf­geführt. Martha Wertheimer hat dies nicht mehr erlebt; sie starb 1942 vermutlich im Vernichtungs­lager Sobibor. Die Kultur­politik im Nachkriegs­deutschland hat zudem nicht auf unbekanntes spätromantisches Opern­schaffen gewartet – so bleibt es bei einer einzigen weiteren Einstudierung 1950 am Mannheimer National­theater. Wie bei über 99 Prozent der Opern-Novitäten ist auch aus „Riccio“ keine neue „Salome“ geworden.

Die letzte Riede-Ausgabe bei André ist 1930 ein Lied zum Weihnachts­märchen „Das dumme Englein“ der Zwanziger-Jahre-Erfolgs­autorin Vicki Baum. Auch die ‚Roaring Twenties‘ illustriert André nämlich noch mit: Als der Berliner Revue-König Rudolf Nelson seine Operette ‚Allotria‘ im Frankfurter Schau­spielhaus zur Urauf­führung bringt, erscheint die Musik nicht bei einem Haupt­stadt­verlag – sondern bei Johann André in Offenbach. Sie liegt im Archiv neben einem ‚One-Step‘ von Gert Wilena mit dem schönen Titel „In Frankfurt auf der Zeil“.

Zitiervorschlag Dr. Ralph Philipp Ziegler: Maria Stuart ist die Offenbacher Salome. In: André 250 – Der Klang der Zeitkapsel. Stadt Offenbach am Main, 2024 ff. https://www.andre250.de/texte/maria-stuart-ist-die-offenbacher-salome/ (Abruf: Datum).

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