Offener Blick, kurze Haare, herzliches Lachen: Mit Moritz André, für Freunde und Familie kurz ‚Mo‘, hält die achte Generation der Familie André Einzug in den Geschäftsbetrieb des traditionsreichen Verlags- und Musikhauses. Glück für das Haus André, Glück aber auch für die Innenstadt, in der damit ein weiterer Traditionsbetrieb klar auf Zukunft setzt. Linda Knauer war neugierig darauf, was einen jungen Mann dazu bewegt, seinen Lebensentwurf mit gerade mal 28 Jahren sehr eng mit einem Familienbetrieb in der Offenbacher Fußgängerzone zu verbinden.
Eine Kindheit und Jugend bei den Andrés – ist Dir die 250-jährige Geschichte eures Unternehmens schon in die Wiege gelegt worden?
Bei anderen Eltern stehen die Lieblingsschallplatten ein bisschen auffälliger im Regal, unser Vater zeigte uns stattdessen 200 Jahre alte Lithografie-Steine und nahm uns zu klassischen Konzerten mit. An der Wand hängt nicht das Hochzeitsfoto meiner Eltern, sondern da sind Mozart und Beethoven in wertvollen alten Ölgemälden. Sogar in unserem Ferienhäuschen in Spanien hängen André-Titelgrafiken an den Wänden – bunte übrigens und dort natürlich auch eine von „Carmen“. Mir war das Ausmaß der Geschichte nicht vollständig bewusst, aber es war dennoch klar, dass die Familie ein musikalisches Erbe trägt.
Was motiviert Dich, das Musikhaus zu übernehmen und den Familienbetrieb weiterzuführen?
Zuallererst: Ich bin ein Familienmensch. Und im Familienunternehmen arbeiten, das ist genau mein Ding. Ich mag die Mitarbeitenden und ich mag es, wenn man sich gut kennt. Das macht das Familiäre in einem Kleinbetrieb aus. Im Musikhaus kann ich außerdem jeden Tag Neues lernen: Wir waren heute im Archiv und haben eine Original-Handschrift entdeckt, bei der mit Heftklammern an der Seite Korrekturen drüber geschoben wurden. So wurde das also früher gemacht. Solche analogen Entdeckungen finde ich total spannend. Nur am Laptop sitzen, das ist nichts für mich, auch wenn das Digitale natürlich eine ganz große Rolle spielt. So ist es zum Beispiel großartig zu sehen, wie dank des Kulturpasses verstärkt junge Menschen ins Geschäft kommen, die Musik machen wollen und das Geld für eine Gitarre ausgeben. Die freuen sich richtig – und ich freu’ mich mit ihnen. Der Kontakt mit den Kunden macht mir total Spaß. Das sind die Momente, in denen ich ganz klar merke: Das passt hier. Und das kann richtig gut werden.
Du hast in Berlin studiert, bist jetzt nach Offenbach zurückgekommen und wirst auch erstmal hier bleiben. Was macht Offenbach so besonders – für Dich und für euren Familienbetrieb?
Verglichen mit dem viel größeren Frankfurt ist es in Offenbach sehr lokal und familiär. Man lernt schnell Leute kennen, es ist weniger bürokratisch. Man kennt die Händler von gegenüber und wünscht sich einen guten Morgen, wenn man morgens das Geschäft aufschließt. Das schätze ich sehr. Der Standort ist für das Musikhaus ideal, weil es zum einen im Umkreis nicht mehr viele Musikläden gibt und gleichzeitig durch die gefühlt ewige Tradition schon jeder über uns Bescheid weiß. Das ist auch eine wichtige Botschaft zur Vertrauensbildung: Das Unternehmen gibt’s schon so lange in der Familie – und gleichzeitig muss jede Generation neu beweisen, dass das Musikhaus André weiterhin exakt der richtige Ansprechpartner für Musikerinnen und Musiker ist.
Euer Musikhaus ist sehr lebendig. Der Verlag selbst hat allerdings vor allem eine große Geschichte; in der Gegenwart ist er nur punktuell aktiv. Was bedeutet der Musikverlag heute?
Wichtig ist der Verlag tatsächlich vor allem durch seine Ausgaben aus früheren Jahrhunderten. Es ist immer wieder berührend, Menschen zu sehen, die vergessene Musik suchen und mit glänzenden Augen vor einem alten Musikdruck sitzen, den sie selbst und auch der größte Teil vom Rest der Welt nicht kennen. Und den es vielleicht tatsächlich nur noch dieses eine Mal hier bei uns gibt. Es ist toll, dass der Verlag so lange erhalten geblieben ist und wir selbst und andere hier immer wieder Neues entdecken – so etwas wie das André-Archiv gibt es nicht mehr so oft. Für die Zukunft des Verlags habe ich noch keine konkrete Vorstellung. Das kann ich auch langsam angehen, da drängt mich ja niemand. Vielleicht liegt sie am ehesten in Verlagskatalogen von Musikern – das heutige Verlagswesen beinhaltet schließlich eher, Musikkataloge zu verwalten und Anteile daran zu halten. Vielleicht ja eines Tages sogar von mir oder meinem jüngeren Bruder! Das würde mich natürlich richtig stolz machen, wenn in der Familie André auch in der achten Generation musikalisch noch mal etwas passiert.
Welche Herausforderungen muss das Musikhaus in den nächsten Jahren bewältigen?
Die meisten Herausforderungen sind für ein Musikhaus ja nicht wesentlich anders als für viele andere Geschäfte in den Innenstädten. Ich habe mich mittlerweile ziemlich in die Entwicklungen im Einzelhandel eingearbeitet. Wichtig ist natürlich das Verhältnis zwischen Ladengeschäft und digitaler Information. Einen Onlineshop haben wir nicht, aber ein guter Internetauftritt ist wichtig. Selbst wenn ich nicht zur Generation TikTok gehöre, möchte ich das Thema soziale Medien ausbauen. Wir haben jetzt schon eine neue Internetseite, sodass wir über Search Engine Optimization sehr gut gefunden werden. Einen Online-Shop sehe ich nicht; ich will klar darauf setzen, ein lokaler Anbieter zu bleiben – mit all der Beratung und dem Service, die dessen besondere Qualität ausmacht. Wir Einzelhändler sind ja leider nicht mehr so viele.
Das wird aber natürlich nicht leichter. Hast Du Unterstützung von außen?
Ich freue mich, dass die Stadt den Einzelhandel wirklich in den Fokus nimmt. Die Gutschein-Aktion „Offenbachs großes Herz“ war beispielsweise richtig cool. Auch das Netzwerk im Offenbacher Einzelhandel ist richtig gut. Wichtig ist, aktuelle Angebote und Fördermöglichkeiten bekannt zu machen, wie den Kulturpass, der bei uns gut einschlägt. Dabei erklärt sich dann auch von selbst, dass man gerade bei Produkten wie Musikinstrumenten ins Geschäft gehen sollte – es geht schließlich um Klang, den muss man hören. So können wir als Einzelhandel weiter funktionieren. Auch auf unsere Leihinstrumente werde ich in Zukunft setzen: flexible Optionen anbieten und die Möglichkeit, Instrumente zu testen, ohne auf einen Schlag viel Geld ausgeben zu müssen. So modern ist das Konzept in der André-Familie übrigens gar nicht: Schon vor weit mehr als hundert Jahren wurden André-Klaviere verliehen, da schließt sich der Kreis.
