250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Im Gespräch mit turbo type

Dr. Jennifer Jessen

Laura Brunner und Leonie Martin sind zusammen seit nunmehr sechs Jahren das Gestaltungsbüro turbo type und damit vor allem in den Bereichen Kommunikationsdesign, Typografie und Type Design zuhause. Meist haben ihre Arbeiten einen Fokus auf Schrift, sie experimentieren damit und zeigen auf, dass Schrift eben mehr als nur Mittel zum Zweck ist. Eben das wird anschaulich im Programmbuch zum Jubiläumsjahr, dessen Gestaltung die beiden übernommen haben. Dafür ließen sie sich von der besonderen Atmosphäre des Lagers im Musikhaus André inspirieren. Steigt man in den Andréschen Geschäftsräumen mit dem Aufzug in den Dachboden empor, gleicht dies nichts weniger als einer Zeitreise. Oben angekommen, wähnt man sich in einer begehbaren, knapp 200 Quadratmeter geräumigen Zeitkapsel. Leonie Martin und Laura Brunner erzählen im Gespräch mit Jennifer Jessen von ihrem Besuch dieses wundersamen Ortes im Herzen der Offenbacher Innenstadt.

Im Rahmen der Recherche für das André-Jubiläum durften wir das Lager unter dem Dach des Musikhauses André besichtigen. Was ist euch von diesem Besuch im Gedächtnis geblieben?

Leonie: Auf dem Dachboden sind mir natürlich erst mal die ganzen Holzregale ins Auge gefallen, in denen sich Berge alter Notenhefte stapeln: Streng geordnet oder an anderer Stelle auch in einem organischen Durcheinander – und alles bedeckt von einer dicken Staubschicht.

Laura: Mir sind direkt die vielen Buchstaben und Schriften aufgefallen, vielleicht ist das auch ein bisschen Berufskrankheit... Eckige Bleibuchstaben, groß und klein, daneben weiße Plastikschrift, ganze Schriftzüge, die in Schwüngen aneinanderhängen. Und über die Regale sind nicht nur die Titelbeschriftungen der Drucksachen verstreut, sondern auch etliche handgeschriebene Etiketten, die ein stückweit Ordnung schaffen. Man sieht, das waren Generationen, die dort Zettelchen angebracht haben – manche Schriften waren ordentlich, andere ganz eigen. Da frage ich mich natürlich sofort, wer hat das geschrieben?

Worin liegt die Faszination dieses Raums?

Leonie: Wenn man mit der Taschenlampe in die Regalreihen leuchtet, hat man den Eindruck, das Obergeschoss wäre seit hundert Jahren nicht mehr betreten worden. Auf den ersten Blick wirkt der Ort wie ein Stillleben, wie ausgestorben. Aber wenn man dann genauer hinschaut, hat man das Gefühl, der Dachboden und die Dinge darin führen ein Eigenleben. Die oberen Blätter der Notenhefte sind z. B. voller Staub und von der Sonne stark verblasst, sie wirken eher unscheinbar. Aber auf den darunter liegenden leuchten die Farben, weil sie eben von den oberen geschützt sind und so konserviert wurden.

Laura: Dadurch bekommt das etwas sehr Organisches. Klar, was dort lagert, ist durch technische Verfahren entstanden, aber die Zeit hat eben sichtbare Spuren hinterlassen, das Material verändert. Man sieht, dass die Art der Aufbewahrung mal einer klaren Ordnung folgte, aber irgendwann hat sich das verselbstständigt, ein Eigenleben entwickelt und der Dachboden hat gewissermaßen seine eigene Ordnung entwickelt.

Leonie: Und natürlich ist es auch faszinierend, einen solchen Ort in einem Haus zu erkunden, an dem man zehn Jahre vorbeigegangen ist – ohne zu wissen, was es dort Spannendes zu entdecken gibt.

Was war für euch aus Designperspektive am spannendsten?

Leonie: Durch die Notenhefte zu stöbern, war eine richtige typografische Zeitreise. Auf den Covern wurden Schriften unterschiedlichster Epochen und Stile benutzt. Die Großzügigkeit und Leichtigkeit macht Spaß, mit der Schriften kombiniert und teilweise wild und auch kunstvoll in Bögen gesetzt wurden, kombiniert mit kalligrafischen Schwüngen und Zierelementen. Das ist gleichzeitig sehr inspirierend. Zusammen mit den Bleibuchstaben, die überall auf dem Dachboden verteilt sind, ist das Thema Typografie auf jeden Fall sehr präsent, auch wenn es sich zunächst mal um das Lager eines Musikverlags handelt.

Laura: Beim Bau des Hauses wurden ja extra Stahlstützen integriert, damit dort gedruckt werden kann – die Geschichte des Druckens steckt also noch heute im Gebäude. Allein die Vorstellung, dass da nur ein paar Stockwerke tiefer jemand an der Druckpresse stand, fasziniert. Ich mag auch die Haptik bei alten Drucken, den satten Farbauftrag. Im Lager fällt auf, wie viele Buchstaben auch in den Drucksachen von Hand gezeichnet wurden, die teilweise kuriose Formen annehmen. Die Vielfalt der Schriften, das Nebeneinander von Druck- und Handschriften, man kann auch sagen, das Überbordende dieser Zeit, das im Dachboden schlummert, regt total an! Der Funke springt über – ich möchte am liebsten direkt mitzeichnen.