250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Was macht eigentlich ein Musikverlag?

Prof. Dr. Axel Beer

250 Jahre Firmengeschichte einer „Notenfabrique“ verdienen nicht nur Bewunderung und Respekt; sie ermöglichen Entdeckungen unterschiedlichster Art und auch die Gelegenheit, sich einmal mit der schlichten Frage zu befassen, was ein Musikverlag eigentlich macht bzw. vor 250 Jahren gemacht hat, und zwar so, dass es eine Erfolgsgeschichte wurde. So schnörkellos wie jene Frage, ist – zunächst – auch die Antwort: Der Verlag sorgte dafür, dass Musik vom Schreibtisch des Komponisten den Weg auf die Notenpulte der „Endverbraucher“ fand. Ganz einfach also, könnte man meinen. Allerdings: Komponisten sind mitunter eigensinnig, und das Publikum ist vielgestaltig; Moden kommen und verschwinden, Geschmäcker gehen bekanntlich auseinander, Ansprüche – laute wie leise – werden gestellt. Und mittendrin der Verleger, der es Allen recht machen muss, da er sonst scheitern würde: Das, was er veröffentlicht, ist Kunst und Ware zugleich, besitzt ästhetischen wie ökonomischen Wert. Und für beides gibt es keine festgelegten, unumstößlichen Maßstäbe.

Man wird dem Haus André und seiner langen Geschichte nicht gerecht, wenn man allein auf die Erstausgaben etlicher Kompositionen Wolfgang Amadeus Mozarts verweist, denn sie machen nur einen Bruchteil der rund 18000 Notendrucke aus. Neben Mozart verdienen die vielen anderen, die Musik zu Papier brachten, ebenfalls Berücksichtigung, denn auch sie hatten ein Publikum, das der Verleger als seine Kundschaft respektierte – insgesamt mehr als 1000 Namen, von denen die allerwenigsten heute noch bekannt sind. Sie hinterließen ein enorm vielfältiges Spektrum an musikalischen Werken, das uns die schier endlose Verlagsliste dokumentiert: Vom schlichten Tänzchen bis zur monumentalen Sinfonie, vom harmlosen Liedchen bis zur abendfüllenden Oper – dies inklusive aller spezifischen Gattungen und Besetzungsformen für praktisch alle Verwendungszwecke innerhalb eines bunten Kulturlebens. Denn selbstverständlich brauchte es Musik für den häuslichen Unterricht, für welche Instrumente und welchen Ausbildungsstand auch immer; es brauchte Musik für Lehrerseminare, für jüdische und christliche Gottesdienste, für Kammer- und Orchesterkonzerte, für Lieder- und Klavierabende, für die Bühne, für Vereine und Liebhabergesellschaften und nicht zuletzt wieder für das private Miteinander. Vieles von dem, was öffentlich präsent war, kehrte hier wieder – teils in reduzierter und komprimierter Form, als Potpourri beliebter Melodien wie auch in variabler Besetzung: Wer eine Beethoven-Sinfonie auf Harmonium und Violine bzw. Wagners Tannhäuser mit Gitarre und Flöte genießen wollte, wurde ebenso bedient wie diejenigen, die mit Beethoven, Wagner und selbst Mozart weniger anzufangen wussten und (vielleicht auch alternativ hierzu) gerne im breiten Repertoire für Männerchöre schwelgten oder auf der Suche nach dem neusten Schlager waren.

Der Musikverlag Johann André repräsentiert mit seinem Angebot nicht nur die Dimensionen musikalischen Geschmacks, sondern auch die gesamte musikalische Entwicklung seit der Zeit der Wiener Klassik, für die wiederum Mozart als eine der herausragenden Persönlichkeiten steht. Was man hierbei übersehen mag, ruft das Jubiläum und ruft die Ausstellung in Erinnerung: Auch die heutigentags bekannteste und beliebteste Musik bedarf vermeintlich profaner Tätigkeiten, um „in die Welt“ gehen zu können: Herstellung und Vervielfältigung der Exemplare sind hierbei ein keineswegs nur mechanischer Akt; eine angemessene Präsentation kommt nicht von alleine, und die Verbreitung in und durch die unterschiedlichsten Kanäle erfordert neben verlässlichen Strukturen auch die dauerhafte Bereitschaft, auf den Wandel der Dinge zu reagieren. Der Notenstecher und der Steinschreiber, die Drucker, der Packer, die Fuhrleute, die gleichfalls meist anonymen Künstlerinnen und Künstler, die die wirkungsvollen Titelseiten schufen, daneben selbstverständlich die Komponisten und Komponistinnen, die vielen Arrangeure, schließlich der Kantor, der neue Orgelnoten brauchte, die talentierte Klavierschülerin, die natürlich die aktuellsten musikalischen Produkte aus Paris in eleganter Offenbacher Ausgabe haben wollte, die bejahrte Gräfin, die selbstverständlich regelmäßige Ansichtssendungen erwartete, weiterhin kleine wie große musikalische Institutionen, dazu schließlich die professionellen Handelspartner in ganz Europa und auch in Übersee, mit denen gemeinsam man als dichtes Netzwerk agierte – dies alles bildet ein sehr komplexes System.

Als Johann André vor 250 Jahren einen auf Musik spezialisierten Verlag gründete, wusste er, dass es der dritte dieser Art im deutschsprachigen Raum war – Wolfgang Nicolaus Haueisen in Frankfurt (1771) und Johann Michael Götz in Mannheim (1772) waren ihm vorausgegangen, doch beide verschwanden nach nicht langer Zeit; Schott in Mainz (1780) und Simrock in Bonn (1793) kamen erst später hinzu. Was Johann André mithin nicht wissen konnte: Er gründete den ältesten bis heute bestehenden Musikverlag überhaupt.