250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Was macht eigentlich ein Musikverlag?

Prof. Dr. Axel Beer
Stofffahne „Was macht eigentlich ein Musikverlag?“ mit diesem Text von Axel Beer in der Ausstellung 2024.
Foto: Simon Malz

250 Jahre Firmen­geschichte einer „Noten­fab­rique“ verdienen nicht nur Bewunderung und Respekt; sie ermöglichen Entdeckungen unter­schiedlichster Art und auch die Gelegenheit, sich einmal mit der schlichten Frage zu befassen, was ein Musik­verlag eigentlich macht bzw. vor 250 Jahren gemacht hat, und zwar so, dass es eine Erfolgs­geschichte wurde. So schnörkellos wie jene Frage, ist – zunächst – auch die Antwort: Der Verlag sorgte dafür, dass Musik vom Schreib­tisch des Komponisten den Weg auf die Noten­pulte der „Endver­braucher“ fand. Ganz einfach also, könnte man meinen.

Aller­dings: Komponisten sind mitunter eigen­sinnig, und das Publikum ist vielge­staltig; Moden kommen und verschwinden, Geschmäcker gehen bekanntlich ausein­ander, Ansprüche – laute wie leise – werden gestellt. Und mittendrin der Verleger, der es allen recht machen muss, da er sonst scheitern würde: Das, was er veröffentlicht, ist Kunst und Ware zugleich, besitzt ästhetischen wie ökonomischen Wert. Und für beides gibt es keine festge­legten, unumstößlichen Maßstäbe.

Man wird dem Haus André und seiner langen Geschichte nicht gerecht, wenn man allein auf die Erst­ausgaben etlicher Kompositionen Wolfgang Amadeus Mozarts verweist, denn sie machen nur einen Bruchteil der rund 18 000 Noten­drucke aus. Neben Mozart verdienen die vielen anderen, die Musik zu Papier brachten, ebenfalls Berück­sichtigung, denn auch sie hatten ein Publikum, das der Verleger als seine Kundschaft respektierte – insgesamt mehr als 1000 Namen, von denen die aller­wenigsten heute noch bekannt sind.

Sie hinter­ließen ein enorm vielfältiges Spektrum an musikalischen Werken, das uns die schier endlose Verlags­liste dokumentiert: Vom schlichten Tänzchen bis zur monumentalen Sinfonie, vom harmlosen Liedchen bis zur abend­füllenden Oper – dies inklusive aller spezifischen Gattungen und Besetzungs­formen für praktisch alle Verwendungs­zwecke innerhalb eines bunten Kultur­lebens. Denn selbst­ver­ständlich brauchte es Musik für den häuslichen Unter­richt, für welche Instrumente und welchen Ausbildungs­stand auch immer; es brauchte Musik für Lehrer­seminare, für jüdische und christliche Gottes­dienste, für Kammer- und Orchester­kon­zerte, für Lieder- und Klavier­abende, für die Bühne, für Vereine und Liebhaber­gesellschaften und nicht zuletzt wieder für das private Mitein­ander.

Vieles von dem, was öffentlich präsent war, kehrte hier wieder – teils in reduzierter und komprimierter Form, als Potpourri beliebter Melodien wie auch in variabler Besetzung: Wer eine Beethoven-Sinfonie auf Harmonium und Violine bzw. Wagners Tannhäuser mit Gitarre und Flöte genießen wollte, wurde ebenso bedient wie diejenigen, die mit Beethoven, Wagner und selbst Mozart weniger anzufangen wussten und (vielleicht auch alternativ hierzu) gerne im breiten Repertoire für Männer­chöre schwelgten oder auf der Suche nach dem neusten Schlager waren.

Der Musik­verlag Johann André reprä­sentiert mit seinem Angebot nicht nur die Dimensionen musikalischen Geschmacks, sondern auch die gesamte musikalische Entwicklung seit der Zeit der Wiener Klassik, für die wiederum Mozart als eine der heraus­ragenden Persönlichkeiten steht. Was man hierbei übersehen mag, ruft das Jubiläum und ruft die Ausstellung in Erinnerung: Auch die heutigentags bekannteste und beliebteste Musik bedarf vermeintlich profaner Tätigkeiten, um „in die Welt“ gehen zu können: Herstellung und Vervielfältigung der Exemplare sind hierbei ein keineswegs nur mechanischer Akt; eine angemessene Präsentation kommt nicht von alleine, und die Verbreitung in und durch die unter­schiedlichsten Kanäle erfordert neben verlässlichen Strukturen auch die dauerhafte Bereitschaft, auf den Wandel der Dinge zu reagieren.

Der Noten­stecher und der Stein­schreiber, die Drucker, der Packer, die Fuhrleute, die gleich­falls meist anonymen Künstlerinnen und Künstler, die die wirkungs­vollen Titel­seiten schufen, daneben selbst­ver­ständlich die Komponisten und Komponistinnen, die vielen Arrangeure, schließlich der Kantor, der neue Orgel­noten brauchte, die talentierte Klavier­schülerin, die natürlich die aktuellsten musikalischen Produkte aus Paris in eleganter Offenbacher Ausgabe haben wollte, die bejahrte Gräfin, die selbst­ver­ständlich regelmäßige Ansichts­sendungen erwartete, weiterhin kleine wie große musikalische Institutionen, dazu schließlich die professionellen Handels­partner in ganz Europa und auch in Übersee, mit denen gemeinsam man als dichtes Netzwerk agierte – dies alles bildet ein sehr komplexes System.

Als Johann André vor 250 Jahren einen auf Musik spezialisierten Verlag gründete, wusste er, dass es der dritte dieser Art im deutsch­sprachigen Raum war – Wolfgang Nicolaus Haueisen in Frankfurt (1771) und Johann Michael Götz in Mannheim (1772) waren ihm voraus­gegangen, doch beide verschwanden nach nicht langer Zeit; Schott in Mainz (1780) und Simrock in Bonn (1793) kamen erst später hinzu.

Was Johann André mithin nicht wissen konnte: Er gründete den ältesten bis heute bestehenden Musik­verlag überhaupt.

Zitiervorschlag Prof. Dr. Axel Beer: Was macht eigentlich ein Musikverlag? In: André 250 – Der Klang der Zeitkapsel. Stadt Offenbach am Main, 2024 ff. https://www.andre250.de/texte/was-macht-eigentlich-ein-musikverlag/ (Abruf: Datum).

Rundgänge

Diese Seite gehört zu den Rundgängen Frauen im Hause André und Wie ein Musikverlag arbeitet.