250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Die Flucht der Familie André/Heraud

Dr. Jennifer Jessen

Im Herbst 1687 verlassen Jacques Heraud und seine Frau Françoise, verwitwete André, mit ihren vier Kindern Gilles und Jean André sowie den gemeinsamen Söhnen Valentin und Henri Heraud in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ihre Heimat in der Provence. Das jüngste Kind ist noch kein Jahr alt. Sollte die Familie während ihrer Flucht aus Frankreich gefasst werden, droht dem Vater Galeerenhaft, was einem Todesurteil gleichkommt; die Mutter verbliebe bis zu ihrem Tod in Klosterhaft, während die Kinder in staatliche Obhut kämen. Wie groß muss die Verzweiflung und die Angst der Eltern gewesen sein, um ein solches Risiko einzugehen? Was waren die Gründe für ihre Flucht?

Beinahe hundert Jahre waren Hugenotten, wie sich die Anhänger des Protestantismus in Frankreich nannten und zu denen auch die Familie André/Heraud zählte, Katholiken rechtlich und gesellschaftlich fast gleichgestellt. Nach jahrelangen Konflikten, die sowohl auf protestantischer wie katholischer Seite zahllose Opfer forderten, gewährte König Heinrich IV. seinen protestantischen Untertanen 1598 mit dem „Edikt von Nantes“ Bürgerrechte und Religionsfreiheit.

Mit der Regentschaft von Heinrichs Enkel, Ludwig XIV., brach das Zeitalter der absolutistischen Herrscher in Europa an. Der Sonnenkönig duldete in seinem Reich keinen anderen Glauben neben dem seinigen – dem Katholizismus. So entzog er 1685 den Hugenotten sämtliche Rechte, die ihnen sein Vorgänger gewährt hatte. Schon allein dieser Schritt hatte schwerwiegende Konsequenzen für die hugenottische Bevölkerung: kein Zugang mehr zu öffentlichen Ämtern, keine höhere Schulbildung für ihre Kinder und letztlich finanzielle Not.

Doch auch mit Gewalt und Terror wirkte der französische König darauf hin, dass die Hugenotten zum Katholizismus konvertierten. Besonders gefürchtet waren die Dragoner, Angehörige einer soldatischen Einheit, die unter der protestantischen Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiteten. Sie quartierten sich in Familien ein und übten psychische wie auch physische Gewalt aus, um die Bewohnerinnen und Bewohner zur Konversion zu zwingen.

Die Hugenotten sahen sich in ihrer Existenz bedroht, sie standen vor der Wahl, ihren Glauben abzulegen oder ein kaum menschenwürdiges Dasein zu fristen. In dieser ausweglosen Situation entschieden sich Hunderttausende, Frankreich zu verlassen – so auch die Familie André/Heraud. Zu Fuß traten sie die Flucht an, die zunächst in die Schweiz führte. In Frankreich selbst wurden die Fluchtrouten überwacht – auszureisen war schließlich verboten. Die Angst, gefasst zu werden, war omnipräsent. Durch die Unterstützung anderer Hugenotten erreichten sie die schweizerische Grenze, wo Fluchthelfer die Notlage der Flüchtenden ausnutzten und sich ihre Dienste teuer entlohnen ließen.

Im Winter 1687 kam die sechsköpfige Familie schließlich im calvinistischen und damit für Protestanten sicheren Genf an. Die Stadt war jedoch Ziel vieler Glaubensflüchtlinge aus Frankreich – es gab kaum mehr Raum für all die Menschen und die Familie zog weiter. Für Gilles, seinen Stiefvater Jacques sowie den Halbbruder Valentin sollte sich die Hoffnung, trotz ihres Glaubens in Frieden und Wohlstand zu leben, erfüllen. Doch die Familie hatte auch schwere Verluste zu tragen, drei ihrer Mitglieder starben auf der Flucht – im Januar 1688 Françoise, die Mutter, kurz darauf auch zwei ihrer Söhne – Henri im Alter von 14 Monaten und der 12 Jahre alte Jean.

Während Jacques in Bad Homburg ein neues Zuhause fand, blieben die Brüder, wie viele Hugenotten, zunächst in Frankfurt. Gilles André heiratete die auch aus Frankreich geflohene Judith Gerain. 1709 zog die Familie schließlich aufgrund der von Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach gewährten Privilegien für hugenottische Glaubensflüchtlinge nach Offenbach, wo Gilles als Seidenfabrikant tätig wurde. Er engagierte sich sehr für die hiesige Französisch-Reformierte Gemeinde und die Stadt am Main wurde zum Zuhause der Andrés – bis heute. Doch seine alte Heimat ließ Gilles nicht los. Noch 1729 notierte er in der bis heute erhaltenen Familienbibel, in der auch die Flucht dokumentiert wurde, die Geburt des lang ersehnten französischen Thronfolgers – selbstverständlich in seiner Muttersprache.