250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Mit Gott!

Prof. Dr. Axel Beer

Dass man sich irgendwann geeinigt hat, die Geschichte des Hauses André 1774 beginnen zu lassen, hat einen Grund: Am 1. August des Jahres startete Johann André seine Buchführung – überaus gewissenhaft, wie wir noch heute mit Staunen erkennen, zudem vor dem Hintergrund eines Bekenntnisses: Das Motto „Mit Gott“ am Kopf der allerersten Seite meint nicht nur den Glauben des französisch-reformierten Christen, sondern auch den Anspruch an sich selbst, den André in aller Deutlichkeit dokumentierte. Dem Schritt waren vielfältige Erfahrungen vorausgegangen. Als ältester Sohn des früh verstorbenen Vaters hatte er dessen Seidenfabrik übernommen und war folglich Geschäftsmann geworden; als Angehöriger einer wohlhabenden Schicht erfuhr er eine umfassende Ausbildung, wobei die musikalische auf außergewöhnlich fruchtbaren Boden fiel, und schließlich war da die wegweisende Erkenntnis, dass diejenigen, die sich Andrésche Seide leisten konnten, ihre Freizeit besonders gerne mit Theater und Musik verbrachten.

Während in Amsterdam, London und Paris schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf Musik spezialisierte Verlagsfirmen um die Gunst des Publikums warben, hinkte man – Gründe waren vor allem Kleinstaaterei und der Siebenjährige Krieg – im deutschsprachigen Raum hinterher. Um die Mitte der 1760er Jahre aber begannen unterschiedliche Händler, die musikliebende Öffentlichkeit auf ihre Angebote gedruckter Noten aus den genannten Metropolen bzw. auf Abschriften aufmerksam zu machen, und sie hätten dies nicht getan, wenn keine Nachfrage nach jenem Luxusgut bestanden hätte. Natürlich las Johann André die Frankfurter Tagespresse, der zu entnehmen war, was etwa der dortige Organist Johann David Otto an neuem Musiziergut anzubieten hatte, und als 1771 dessen Kollege Johann Nikolaus Haueisen auf den mutigen Gedanken gekommen war, einen Schritt weiterzugehen und selbst als Verleger zu agieren, wird André dies nicht verborgen geblieben sein. Gleichzeitig erlernte Johann Michael Götz – Hofmusiker in Mannheim, wo übrigens die Familie der Mutter Andrés beheimatet war und wo er selbst seine musikalische Ausbildung erhalten hatte – in Paris das Notenstecherhandwerk, und es dauerte nicht lange, bis sich beide, André und Götz, für etwa ein Jahr zusammentaten, um ein paar musikverlegerische Versuchsballons zu starten, und bis dann schließlich jener 1. August 1774 kam. Ein paar Dinge sind aber noch wichtig: Haueisen gab sein Verlagsgeschäft schon 1786 auf; Götz und seine Nachfolger produzierten lediglich bis ins erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hinein – und das noch nicht erwähnte Haus Schott in Mainz macht sich mit dem vorgeblichen Gründungsjahr 1770 ein Jahrzehnt älter als es eigentlich ist. Da auch die Firma Breitkopf & Härtel in Leipzig erst seit den 1790er Jahren (und nicht schon seit 1719) neben anderen Schwerpunkten als Musikverlag im eigentlichen Sinn auftrat, ergibt sich schließlich: Das Haus André in Offenbach ist die älteste auf einen Musikverlag zurückgehende und bis heute in Familienbesitz befindliche Musikalienhandlung weltweit.

Nach Johann Andrés Tod übernahm sein Sohn Johann Anton also nicht etwa eine Seidenfabrik; die Weichen waren gestellt, und es galt, angesichts der inzwischen zahlreich gewordenen Mitbewerber um die Gunst des musikliebenden Publikums konkurrenzfähig zu bleiben. Dass André auch aus diesem Grund die ebenso kostspielige wie weitsichtige Entscheidung traf, den Nachlass Wolfgang Amadé Mozarts von dessen Witwe zu erwerben (vgl. hierzu den Text von Birgit Grün), ist ebenso bekannt wie die Tatsache, dass er sich zur selben Zeit entschloss, die nicht lange zuvor erfundene Steindrucktechnik für die Herstellung von Musikalien nutzbar zu machen. Wichtiger noch als diese beiden Aspekte ist die besonnene Verlagspolitik, die André – selbst (wie schon sein Vater) Komponist und zudem überregional geschätzte Kapazität in allen musikalischen Fragen – über vier Jahrzehnte hinweg auszeichnete: Wie alle erfolgreichen Verleger beherrschte er den Spagat zwischen künstlerischen Idealen und ökonomischen Notwendigkeiten auch angesichts ungünstiger Rahmenbedingungen, so dass er nicht lange vor seinem Tod ein wohlbestelltes Feld der nächsten Generation übergeben konnte, die ihrerseits die Grundlage für die weitere Entwicklung schuf. Und jetzt, da der große runde Geburtstag ansteht, ist Hans-Jörg André, der 1992 seiner Mutter nachfolgte, am Ruder, während Sohn Moritz sich, wohl nicht viel anders als seine Vorfahren, bereits Stück für Stück mit seinen zukünftigen Aufgaben vertraut macht.