250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Der Mann, der Mozart nach Offenbach brachte

Birgit Grün
Gemaltes Bildnis Johann Anton Andrés im ovalen, reich verzierten Goldrahmen: ein älterer Mann mit weißem Haar und dunkler Kappe im dunklen Rock, die Arme verschränkt.
Foto: Simon Malz

„Die Frau Wittwe Mozart in Wien, hat mir die sämmtlichen ihr hinter­bliebenen Manuscripte ihres Mannes, käuflich überlassen. Dadurch bin ich in den Stand gesetzt, die korrekteste Herausgabe, mehrerer bekannten und unbekannten Werke unsers Mozarts, zu veran­stalten. […] Ich ersuche daher ein geehrtes musikalisches Publikum, auf diese meine Herausgabe Rücksicht zu nehmen.“

Damit war die Musikwelt informiert: Mozarts zu einem guten Teil noch unver­öffentlichte Handschriften lagen nunmehr in Offenbach im Haus des Musik­ver­legers Johann Anton André. Sie sollten selbst­ver­ständlich nicht einfach nur dort liegen. Das stellte André mit der zitierten Zeitungs­anzeige klar, mit der er im Februar des Jahres 1800 seine Werbe­kampagne einleitete.

In der Tat war der 24-⁠jährige Unter­nehmer, der im Herbst 1799 den Offenbacher Musik­verlag seines verstorbenen Vaters Johann André übernommen hatte, einen ungewöhnlichen Schritt gegangen. André war gleich zu Beginn seiner Verantwortung für das Unter­nehmen nach Wien gereist und hatte den gesamten künstlerischen Nachlass des Komponisten Wolfgang Amadé Mozart von dessen Witwe Constanze angekauft. Dabei war er der einzige Musik­ver­leger, der sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, nach Wien zu reisen, um die Autographen-Sammlung in Augen­schein zu nehmen. Für die Summe von 3150 Gulden wechselte das Konvolut den Besitzer. Viele Kollegen werden den Kopf geschüttelt haben, maß man solcherlei Papieren doch eher einen ideellen Wert zu.

Im Frühjahr 1800 erreichte dann eine 15 versiegelte Pakete umfassende Lieferung Offenbach. Über 273 eigen­händige Werknieder­schriften – also mehr als 40 Prozent des Gesamt­werks Mozarts im Original – erreichten ihren Verleger. Zeit seines Lebens bewahrte André die Mozart-Handschriften in seinem Wohn- und Geschäftshaus in Offenbach auf; er ordnete und studierte die Musik im Original. Die Vorstellung, dass er jederzeit etwa in der autographen Opern­partitur von „Don Giovanni“ oder „Die Zauber­flöte“ blättern konnte, ist nicht nur für uns Heutige faszinierend. Doch Andrés Verdienst um Mozarts Nachlass erschöpft sich natürlich nicht in der Tatsache, dass er ihn erwarb und sicherte. Gerade eben seine verlegerische Arbeit leistete einen wichtigen Beitrag zum Bild von Mozarts Werk, wie es sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts verfestigte.

Anton André nutzte zudem von Anfang an den Besitz der Handschriften, um seine Mozart-Ausgaben von jenen der Konkurrenz deutlich abzuheben. Die Vermerke auf den Offenbacher Titel­blättern „Edition faite d’après la partition en manuscrit“ und „Nach dem Original­manu­script des Autors heraus­gegeben“ avancierten zum stark beworbenen Qualitäts­merkmal seiner Mozart-Ausgaben. Denn um 1800 gab es noch kein geregeltes Urheber­recht. Noten, die sich andernorts gut verkauften, wurden oft einfach nachge­druckt – nicht selten natürlich fehlerhaft. Vor diesem Hinter­grund erschließt sich der hohe Stellenwert, den die Original­aus­gaben Andrés für die Mozart­rezeption aufweisen. Schließlich diente das Autograph des Komponisten als Vorlage; das konnte nur einer haben und das war im Fall von 273 Mozart-Manuskripten eben Johann Anton André.

79 Mozart-Werke sind durch die Andrés in Offenbach erstmals weltweit publiziert worden. Da der Musik­verlag schon damals ein europa­weites Vertriebsnetz unter­hielt, gingen heute sehr bekannte Kompositionen von Offenbach am Main in die musikalische Welt. Solche wie die Serenade „Eine kleine Nacht­musik“ (1827, KV 525) oder das Klarinetten­konzert A-⁠Dur (1801, KV 622).

Neben seiner verlegerischen Tätigkeit widmete sich Johann Anton André in intensiven Studien den Mozart-Autographen. Seine chrono­logischen Einordnungen und Bewertungen wurden von den Begründern der Mozart-Forschung in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufge­griffen. Otto Jahn – der 1856 die erste wissenschaftliche Mozart-Biografie vorlegte – und Ludwig Ritter von Köchel standen beide in Kontakt mit dem Haus André. So zitiert Köchel (seinet­wegen haben die Mozart-Werke „KV“-Nummern – „KV“ heißt „Köchel-Verzeichnis“) in seinem 1862 erschienenen Mozart-Werkver­zeichnis Andrés chrono­logische Ordnung der Mozart-Werke.

1854, zwölf Jahre nach Andrés Tod, wurde die Autographen-Sammlung von sieben seiner Erben zum Verkauf getrennt. Vorab gab es einige Bemühungen, die vollständige Sammlung an eine Bibliothek zu verkaufen, was aber nicht gelang. In der Folge gingen die Mozart-Originale an unter­schiedliche Käufer; heute werden sie größten­teils in National­biblio­theken verschiedener Länder aufbe­wahrt.

Schade, dass der Mozart-Nachlass nicht mehr so homogen zusammen­blieb, wie er das noch im Haus André in der Offenbacher Domstraße war. Der Weitsicht Johann Anton Andrés ist es auf jeden Fall zu verdanken, dass nicht schon Constanze Mozart die Werke ihres verstorbenen Mannes einzeln verkaufen und zerstreuen musste. Für den Überblick über Mozarts Werk wäre das ein deutlich schlechterer Ausgangs­punkt gewesen. Außer in Mozarts Wohnung waren ganz sicher nirgends so viele Mozart-Manuskripte je an einem Ort wie in Offenbach am Main.

Zum Weiter­lesen: Die Handschrift der Zauber­flöte, die André im Winter 1799/1800 mit dem Nachlass erwarb, liegt heute in der Staats­bibliothek zu Berlin und ist dort digital einsehbar (öffnet in einem neuen Fenster).

Zitiervorschlag Birgit Grün: Der Mann, der Mozart nach Offenbach brachte. In: André 250 – Der Klang der Zeitkapsel. Stadt Offenbach am Main, 2024 ff. https://www.andre250.de/texte/der-mann-der-mozart-nach-offenbach-brachte/ (Abruf: Datum).