250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Das Verlagsprogramm

Prof. Dr. Axel Beer
Verlagsverzeichnis „Theater-Bibliothek. Potpourris faciles & instructifs par François Burgmüller“ des Verlags Johann André am Pfosten eines Notenregals, darüber und darunter handbeschriftete Fachschilder.
Foto: Simon Malz

Eine über 250 Jahre hinweg andauernde Familien­tradition zu bestaunen ist das Eine – eine einigermaßen befriedigende Antwort auf die Frage zu geben, was die Firma während dieser langen Zeit eigentlich im Einzelnen gemacht und vor allem publiziert hat, das Andere, wobei es mit dem oft genug wieder­holten Verweis auf die Namen Mozart, Senefelder (als Erfinder der Litho­graphie) und natürlich Goethe, der gerne bei Andrés verkehrte, nicht getan ist.

Wir versuchen es in komprimierter Form: Das Haus André veröffentlichte in einem Kernzeitraum von 160 Jahren rund 18 000 Noten­drucke – Kompositionen vom kleinen Lied bis hin zur dicken Opern­partitur, vom Tänzchen bis hin zur ausge­wachsenen Sinfonie. Original­aus­gaben (also vom Komponisten autorisiert, der ein Honorar erhielt bzw. später auch am Gewinn beteiligt sein konnte) sind ebenso vertreten wie Nachdrucke zumeist ausländischer Produkte und nicht zuletzt ein überaus buntes Spektrum von Bearbeitungen. Die Zahl der Komponisten (und ganz wenigen Komponistinnen) hat seltsamerweise noch niemand ermittelt – wenn man einmal ganz vorsichtig die Größen­ordnung mit etwa 1500 benennt, liegt man sicher nicht vollkommen daneben.

Natürlich finden sich die allbe­kannten Namen: Mozart, in einer Reihe mit den damals renommierten Wiener und Pariser Komponisten stehend, ist schon vor dem Deal mit der Witwe mit etlichen (meist postumen) Erst­ausgaben vertreten, denen sich, da seine Musik auf wachsende Gegen­liebe stieß, eine große Menge an Arrangements für die unter­schiedlichsten Ansprüche und Besetzungs­formen anschloss. Seit 1803 und bis in die 1840er Jahre hinein erschien auch fast das gesamte Oeuvre Ludwig van Beethovens in der Original­version sowie gleich­falls in vielerlei Bearbeitungen bei André, wobei die jeweilige und zumeist nicht unkom­plizierte eigentums­recht­liche Situation (ein Urheber­recht gab es noch nicht) die Abfolge bestimmte, sodass etwa die zuerst in Leipzig, Bonn und Mainz mit Autorisierung des Komponisten publizierten Werke zunächst außen vor blieben.

Die sogenannte Wiener Klassik ist also nicht nur quantitativ sehr prominent vertreten. Ihre spätere Rezeption als die eigentliche Grundlage des (bürgerlichen) Verständnisses von musikalischer Hochkultur geht wesentlich vom Haus André in Offenbach aus, das sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts denn auch gezielt der Musik Joseph Haydns annahm sowie später das Vermächtnis jener Meister noch einmal mit blockweise publizierten Neuaus­gaben präsentierte.

Dagegen kommt das, was wir uns als musikalische Romantik zu bezeichnen angewöhnt haben, nur marginal vor: Werke von Schubert, Chopin, Schumann und Mendelssohn Bartholdy begegnen zudem erst seit den 1860er Jahren in relativ geringer Zahl, wobei die postume Erst­ausgabe der Konzert­stücke op. 113 und 114 (1869) des Letzteren, freilich eine Ausnahme, nicht unerwähnt bleiben darf. Ebenfalls sei nicht verschwiegen, dass – aus welchen Gründen auch immer – Johannes Brahms und Franz Liszt nicht mit einer einzigen Note im Verlags­pro­gramm vertreten sind.

Essentiell war dagegen für den Verlag, kontinuierlich modisch-unter­haltende und nicht zu schwere Klavier­musik bieten zu können. Gerade hierbei brauchte es verlässliche Lieferanten, die nicht nur individuell geformte Original­stücke in der Art der ungemein facetten­reichen „Salon­musik“ beizu­steuern wussten, sondern auch in der Lage (und sich nicht zu schade) waren, den dauerhaften Appetit des musik­liebenden Publikums nach Bearbeitungen zu stillen.

Der Frankfurter Musik­lehrer Heinrich Cramer zählte zu jenen unver­zichtbaren Zeitge­nossen: Er bereitete all die Lieblings­melodien vorwiegend aus dem zeitge­nössischen Opern­repertoire zwischen Rossini und Verdi zu wohldosierten Häppchen auf, die – teils speziell auf die Erfordernisse im Musik­unter­richt berechnet – innerhalb mit wohlklingenden Titeln (Perles mélodiques, Fantaisies élégantes, Le jeune Pianiste) ausge­statteten Editions­reihen erschienen, die ihrer­seits die Kunden­bindung intensivierten.

Die für das Haus André so essentielle Bearbeitungs­praxis umfasste daneben auch vielfältige kammer­musikalische Besetzungen – manche „favorites“ gab und gibt es in um die 30 Versionen, und auch hierfür konnte man auf Spezialisten zurück­greifen: Johann Georg Busch beispielsweise, ein Offenbacher Musik­lehrer, fertigte mehr als 250 Opern­bearbeitungen unter­schiedlichster Art an; auch sie waren in Reihen mit klang­vollen Namen versammelt – Apollo etwa und Orpheus – und gewähr­leisteten die musikalische Grund­ver­sorgung auf diesem enorm wichtigen Sektor.

Ohne eine intensive Beobachtung des nationalen, inter­nationalen sowie auch lokalen und regionalen musikalischen Geschehens, zudem ohne ein professionelles Gespür für Entwicklungen, Moden und Tendenzen sowie für vielver­sprechende Talente hätte der Musik­verlag André freilich nicht überlebt. Die differenzierten Überlegungen, die der Entscheidung zugrunde lagen, ein Werk ins Programm aufzu­nehmen oder darauf zu verzichten, erschließen sich dem späteren Betrachter oft nur mühsam – jeden­falls war die Beziehung mit dem Wormser Komponisten Carl Haine offenbar für beide Seiten nützlich, ebenso wie diejenige zu Friedrich Gackstatter, der, aus Franken stammend, in Bukarest eine Anstellung gefunden hatte, wo er zweifellos nicht nur mit den eigenen Werken für seinen Offenbacher Verlag Reklame machte.

Manche Zufalls­bekanntschaft kam hinzu wie die Engländerin Charlotte Oliver, die in den 1860er Jahren mehrere Dutzend Klavier­stücke bei André veröffentlichte, unter ihnen solche, die auf prominente deutsche Kurorte (auch solche in der Nachbarschaft) Bezug nehmen – die Ausgaben waren dem Verlag so wichtig, dass er sie mit überaus attraktiv gestalteten Titel­seiten ausstattete.

Und wenn schon von der Nachbarschaft die Rede ist: Was sich an den musik­päd­agogischen Einrichtungen in Frankfurt – der dortigen Musik­schule und dem Hochschen Konservatorium etwa – tat, strahlte unmittelbar aus: Wilhelm Hill, Iwan Knorr und Bernhard Sekles, seinerzeit prominente Lehrer dort, seien nur stell­ver­tretend für die vielen Kollegen in Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und anderswo genannt, deren Werke (auch) in Offenbach erschienen und hinsichtlich ihres zumeist gehobenen Anspruchs und der vielfältigen Besetzungs­formen seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine zusätzliche Facette beisteuerten wie auch neue Kundschaft anlockten.

Was noch erschien und ebenfalls essentiell für das Haus wie auch reprä­sentativ für das musikalische Geschehen insgesamt war: Natürlich durfte weder das Erwachen des Löwen von Anton Kontski, Josef Ivanovicis Donau­wellen noch natürlich Das Gebet einer Jungfrau von Thekla Badarzewska im Verlags­pro­gramm fehlen – allesamt inter­nationale Hits, zu denen sich solche aus der Region gesellten, wie sie, als eigentliche Schlager, etwa in mancher Äppelwoi-Kneipe erklangen und mitunter für Mandolinen- und Zither-Vereine aufbe­reitet wurden. Fehlen durfte auch nicht die Spannung darauf, was André – natürlich recht­zeitig, damit genug Zeit zum Üben blieb – an neuer Weihnachts­musik anbieten würde, für spezielle Sport­ver­anstaltungen vorrätig hatte sowie natürlich für diverse Familien­feste, bei denen es recht heiter zugehen durfte.

Wechseln wir die Perspektive ein weiteres Mal, so stehen wir vor einer schier unüber­schaubaren Menge an Kompositionen für die während des Kaiser­reichs aller­orten wie Pilze aus dem Boden sprießenden Männer­chöre, die über Liebe und Wein sangen und natürlich über ihre Heimat – dass manche unserer Zeitge­nossen wahrscheinlich geneigt wären, einige der Texte mit Trigger­warnungen zu versehen, kann man sich gut vorstellen – aller­dings: Wie alles andere sind sie Teil eines aus der jeweiligen Zeit heraus erklärbaren komplexen Phänomens, mit dem umzugehen denselben Respekt erfordert, wie wir ihn auch aufbringen, wenn wir uns an einer bunten und vielfältigen Gesellschaft erfreuen.

Das Verlags­pro­gramm des Hauses André jeden­falls ist eines der buntesten und vielfältigsten überhaupt – mit einer gewissen Erleichterung dürfen wir schließlich zur Kenntnis nehmen, dass die Ideologie der Nazi-Diktatur in der Verlags­pro­duktion keine bemerkens­werten Spuren hinter­lassen hat.

Zum Weiter­lesen: Rund 17 000 der insgesamt rund 18 000 Titel lassen sich in der Archiv­datenbank des Musik­hauses André (öffnet in einem neuen Fenster) durch­suchen. Die freie Noten­bibliothek IMSLP führt auf ihrer Seite zum Verlag Johann André (öffnet in einem neuen Fenster) mehr als 1 400 Werke, die in André-Ausgaben als Scan vorliegen.

Zitiervorschlag Prof. Dr. Axel Beer: Das Verlagsprogramm. In: André 250 – Der Klang der Zeitkapsel. Stadt Offenbach am Main, 2024 ff. https://www.andre250.de/texte/das-verlagsprogramm/ (Abruf: Datum).

Rundgang

Diese Seite gehört zum Rundgang Wie ein Musikverlag arbeitet.

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