250 Jahre Musikverlag und Musikhaus André

Verlagsgründung

Die Gründung des Musikverlags André
Erzählt aus der Sicht von Lili Schönemann

Liebe Lesenden, erlaubt mir eine persönliche Frage: Erinnert Ihr Euch gerne an Eure Jugend? Oder erlebt Ihr sie gerade? Eine spannende Zeit, eine Zeit der Veränderung, des Übergangs und ja, auch des Übermuts. So war das zumindest bei mir, wenn sich denn mal die Gelegenheit geboten hat, ein wenig über die Stränge zu schlagen (was selten der Fall war). Jedenfalls waren meine Jugendjahre in Offenbach wirklich aufregend! Kurz, aber sehr intensiv.

Friedrich Maximilian Klinger, der wie ich in Frankfurt geboren wurde – allerdings sechs Jahre früher – sollte 1776 ein Stück schreiben, das nicht nur sehr erfolgreich war, sondern sogar einer literarischen Strömung ihren Namen gab: Sturm und Drang. Manch einem oder einer wird da was dämmern: Richtig! Johann Wolfgang Goethe begann seine Karriere als Dichter in genau dieser Epoche, die er mitprägen sollte. Die Erinnerung an meine Jugend ist geknüpft an mein Hoffen und Sehnen nach einer gemeinsamen Zukunft mit diesem Mann, der für ein paar Monate sogar mein Verlobter gewesen ist.

Doch das Leben, oder besser meine Eltern, entschieden anders. Auch Goethe selbst war nicht frei von Zweifeln – es dauerte ja doch recht lange, bis er sich schließlich zu einer Ehe durchringen konnte; Christiane Vulpius hatte es sicher nicht leicht mit ihm. Für mich allerdings hat sich letztlich doch alles zum Guten gefügt. Ob ich mit diesem bis heute als Genie gerühmten Mann, der durchaus seine Eigenarten hatte, glücklich hätte werden können? Müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Damals, in den 1770er Jahren jedoch schien alles möglich, und unter uns jungen Leuten herrschte Aufbruchsstimmung!

Johann André

Auch ein Mann, der mit seinen 33 Jahren schon mehr als doppelt so alt war wie ich, die ich gerade mal 16 Lenze zählte, schien sich von dieser Atmosphäre des „Jetzt oder nie“ anstecken zu lassen: Der gute Johann André. Er fasste 1774 den Entschluss, ein neues Kapitel für sich und auch seine Nachkommen aufzuschlagen. Anstatt das etablierte Familienunternehmen als Seidenfabrikant fortzuführen, gründete Monsieur André die Notenfabrique André.

Eintrag Journalbuch „Mit Gott“
1. August 1774

In einem sogenannten „Journalbuch“ ist am 1. August 1774 der erste Eintrag festgehalten. Allem vorangestellt sind zwei Wörter: „Mit Gott!“ Das war Johann Andrés Anspruch und wahrscheinlich auch Ausdruck seiner vagen, bescheidenen Hoffnung auf göttlichen Beistand. Immerhin betrat Monsieur André ganz neue Gefilde! Die Seidenproduktion ist schließlich ein ganz anderes Fach als das Verlagswesen. Aber unter uns gesagt: Es kam ihm doch sehr zugute, dass er in den gehobenen Kreisen, die ja auch schon seine Seidenwaren geschätzt hatten, hoch angesehen war. Die Menschen vertrauten ihm und er hatte das richtige Gespür zum richtigen Zeitpunkt! Denn während meiner Jugendjahre entdeckten mehr und mehr Menschen ihre Liebe zur Musik, sie wollten selbst auf ihrem Pianoforte im heimischen Salon spielen – Noten für die anspruchsvollen Kompositionen waren dafür äußerst hilfreich!

Wahrscheinlich weil wir die Liebe zur Musik teilten, verriet Monsieur André mir, dass er selbst schon in der Jugend seine musikalische Neigung entdeckt hatte und im Laufe der Jahre seine Fertigkeiten erweitert und verfeinert hatte. Er erkannte, welches Bedürfnis die potenzielle Kundschaft hatte und konnte durch einen mutigen Schritt auf unbekanntes Terrain – dem Verlagswesen – die Nachfrage nach Noten aus der Feder beliebter Komponisten für den Hausgebrauch der Wohlhabenden stillen. Und die gab es sowohl im nahen Frankfurt wie auch im schönen Offenbach, wo einige aus unseren Kreisen repräsentative Sommer- bzw. Wochenendhäuser erworben hatten.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie sich Offenbach damals, im Sommer 1775, um genau zu sein, einem Bürger des benachbarten Frankfurts darstellte, lassen wir am besten Goethe zu Wort kommen:

„Offenbach am Main zeigte schon damals bedeutende Anfänge einer Stadt, die sich in der Folge zu bilden versprach. Schöne, für die damalige Zeit prächtige Gebäude hatten sich schon hervorgetan. […] Anstoßende Gärten, Terrassen, bis an den Main reichend, überall freien Ausgang nach der holden Umgegend erlaubend, setzten den Eintretenden und Verweilenden in ein stattliches Behagen. Der Liebende konnte für seine Gefühle keinen erwünschtern Raum finden.“

Tja, da lest Ihr es. Die Rede ist von den Liebenden, womit niemand anderes gemeint ist als der liebe Goethe selbst, der nicht ganz vier Wochen nach Monsieur Andrés Verlagsgründung seinen 25. Geburtstag feiern sollte, und mir – Lili Schönemann. Im Hause André trafen wir uns häufig, wobei selbstverständlich auch andere Menschen aus der Offenbacher Stadtgesellschaft zugegen waren. Gemeinsam musizierten wir, führten Theaterstücke auf und plauderten. Ich erinnere mich gerne daran zurück, doch damals – um ehrlich zu sein – sehnten Goethe und ich uns sehr danach, ungezwungen und frei miteinander sprechen zu können, abseits der einstudierten Phrasen, die die Gespräche unserer Jugendzeit bestimmten.

Johann Wolfgang von Goethe
Gemalt von Rudolf Huthsteiner, 1889

Dieser Wunsch war selbstverständlich absurd, doch immerhin ermöglichten uns die vielen Stunden der Gastfreundschaft bei den Andrés, wo Goethe seinerzeit wohnte, einander zu sehen. Manchmal verabschiedete man sich gar erst im Morgengrauen voneinander. Auch diese Erinnerung teile ich mit Goethe:

„Trat man am Morgen in aller Frühe aus dem Hause, so fand man sich in der freisten Luft, aber nicht eigentlich auf dem Lande. Ansehnliche Gebäude, die zu jener Zeit einer Stadt Ehre gemacht hätten, Gärten, parterreartig übersehbar, mit flachen Blumen- und sonstigen Prunkbeeten, freie Übersicht über den Fluß bis ans jenseitige Ufer, oft schon früh eine tätige Schiffahrt von Flößen und gelenkten Marktschiffen und Kähnen, eine sanft hingleitende lebendige Welt, mit liebevollen zarten Empfindungen im Einklang. Selbst das einsame Vorüberwogen und Schilfgeflüster eines leise bewegten Stromes ward höchst erquicklich und verfehlte nicht, einen entschieden-beruhigenden Zauber über den Herantretenden zu verbreiten. Ein heiterer Himmel der schönsten Jahrszeit überwölbte das Ganze, und wie angenehm mußte sich eine traute Gesellschaft, von solchen Szenen umgeben, morgendlich wiederfinden.“

Johann André und Goethe schätzten einander menschlich als auch als Meister ihres jeweiligen Metiers sehr. So kam es, dass Goethe Monsieur André darum bat, er möge doch sein Singspiel „Erwin und Elmire“ komponieren – was dieser selbstverständlich gerne tat. Eben dies trug mit dazu bei, dass Johann André 1777 nach Berlin berufen wurde: Als Kapellmeister des Döbbelinischen Orchesters am Theater. Eine große Umstellung für die gesamte Familie, die in die weit entfernte Residenzstadt der Hohenzollern an die Spree zog. Die Andrés fühlten sich hier sehr wohl, allerdings litt der Musikverlag unter der Abwesenheit des Leiters.

1784 dann, ich selbst verließ Frankfurt ein Jahr nach dem Umzug der Andrés, um mit meinem Ehemann in Straßburg zu leben, veranlasste die prekäre Situation der Notenfabrique Monsieur André nach Offenbach zurückzukehren. Seinen ursprünglichen Plan, den Verlag nach Berlin zu verlegen, konnte er nicht umsetzen, da das entsprechende Privileg bereits an die Hummel’sche Musikalienhandlung vergeben worden war.

André Wohnhaus in der Domstraße 21, Offenbach am Main

Ich freue mich sehr für die Familie André, dass sich alles zum Guten gewendet hat! Mut sollte belohnt werden und den hat Johann André bewiesen: Sowohl mit der Gründung der Notenfabrique André als auch mit der Aufgabe seiner Stellung als Kapellmeister in Berlin. Seine Rückkehr nach Offenbach erwies sich in vielerlei Hinsicht als kluge Entscheidung.

So kam es, dass die Familie André in der in Domstraße 21 ihr neues Zuhause in Offenbach haben sollte. Johann André ließ hier ein großes Wohn- und Geschäftshaus samt Produktionsstätten bauen. In direkter Nachbarschaft wohnte Sophie von La Roche, die häufig von ihren Enkelkindern, zu denen auch Clemens und Bettine Brentano, spätere von Arnim, zählten, besucht wurde. Mir kam zu Ohren, dass die beiden Familien auch zu dem ein oder anderen geselligen Beisammensein zusammenkamen, um zu musizieren, Theater zu spielen – eben ein Anknüpfen an die 1770er Jahre. Die Nächte werden mit zunehmendem Alter Johann Andrés sicher nicht mehr ganz so lang gedauert haben, doch bestimmt nicht weniger unterhaltsam gewesen sein – wenn auch ohne Goethe und mich.

Lili Schönemann, die Erzählerin dieses Stücks.
Geboren am 23. Juni 1758 in Frankfurt am Main als Anna Elisabeth Schönemann. Gestorben am 6. Mai 1817 in Krautergersheim im Elsass.
Gemalt von Hermann Dietz, 1910

Wer war Lili Schönemann?

Anna Elisabeth Schönemann, besser bekannt als Lili Schönemann, kam 1758 in Frankfurt am Main zur Welt. Sie wurde in eine wohlhabende Bankiersfamilie geboren, der ein hohes Bildungsniveau der Tochter wichtig war. So beschränkten sich ihre Kenntnisse nicht nur auf den für Mädchen üblicherweise bestimmten musischen Bereich. Lili hatte auch Unterricht in Geografie und Geschichte. Ihr umfangreiches Wissen in Kombination mit ihrem einnehmenden Wesen, über das Goethe unter anderem in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt, ließen sie zu einer äußerst geschätzten Gesprächspartnerin avancieren – trotz ihres jugendlichen Alters.

Anfang des Jahres 1775 luden Lilis Eltern zu einem Konzert bei sich zu Hause ein, das auch der junge Johann Wolfgang Goethe (das „von“ kam erst zu Weimarer Zeiten dazu) besuchte. Lili war gerade 16 Jahre jung, Goethe 25 und hatte vor nicht allzu langer Zeit sein Studium der Rechtswissenschaften – oder Jurisdiktion, wie man seinerzeit sagte – abgeschlossen. Die beiden verliebten sich heftig ineinander, doch Lilis Eltern standen einer Verbindung der beiden skeptisch gegenüber: Sie intendierten, ihre Tochter mit dem Sprößling eines anderen Bankhauses zu vermählen. Schließlich willigten sie dennoch ein und Lili und Goethe feierten im Frühjahr 1775 ihre Verlobung. Nun kamen aber auch dem Verlobten Zweifel, ob er denn sein restliches Leben in seiner Heimatstadt als Eingeheirateter in eine Bankiersfamilie verbringen möchte. Weimars Herzog Carl August lockte und damit die Hoffnung auf Neues, Unbekanntes.

Nach einem intensiven Sommer, von dem er obige Text wie auch Goethes „Lili-Lieder“ einen Eindruck vermitteln, wird die Verlobung im Oktober 1775 gelöst. Goethe geht nach Weimar und wird zum Geheimen Rat von Goethe. Lili jedoch wird immer einen besonderen Platz in seinem Herzen haben, das anzunehmen erlauben die Passagen in seinen mehr oder weniger wahrheitsgetreuen – nomen est omen – Memoiren „Dichtung und Wahrheit“.

„Lili war die erste, die ich tief und wahrhaft liebte, und vielleicht war sie auch die letzte."

Und Lili? Was wurde aus ihr? Sie heiratete 1778, drei Jahre nach dem Ende ihrer Beziehung mit Goethe, den Bankier Bernhard von Türckheim – eine Verbindung, die wahrscheinlich ganz im Sinne der elterlichen Schönemannschen Pläne war. Türckheim hatte im Bankhaus der Schönemanns seine Lehre absolviert, Lili kannte den sechs Jahre älteren Freiherrn also. Nach der Hochzeit lebten die beiden für einige Jahre in Straßburg, wo auch ihre fünf Kinder zur Welt kamen.

Die Französische Revolution bedrohte auch Lilis Familie uns so musste sie 1793 mit Beginn des „Grand Terreur“, gemeinsam mit ihren Kindern als Bäuerin verkleidet, Frankreich verlassen. Ihr Mann war bereits alleine voraus gereist. Nach dem Sturz Maximilien Robespierres beruhigte sich allmählich die Situation in Frankreich, was die Türckheims zur Rückkehr ins Elsass veranlasste.

Hier ließen sie sich schließlich auf dem Gut Krautergersheim nieder, wo Lili 1817 mit 59 Jahren verstarb und in der Familiengruft beigesetzt wurde.

Verfasst von Dr. Jennifer Jessen